Hagen/Aachen/Berlin, 25. November 2021 – Das Gesundheitswesen steht vor einer bedeutsamen Umbruchsphase: Die Entwicklung und der Transfer einer telemedizinischen, digital unterstützten Versorgung in Deutschland und in Europa ist Wegbereiter für eine Gesundheitsversorgung der Zukunft. Doch wie kann der Weg Europas dabei aussehen? Unter dem Motto „Digitale Innovationen im Gesundheitsbereich: Was Europa jetzt braucht!“ diskutierten Expertinnen und Experten am 23. November 2021 beim internationalen Online-Kongress „Digital Health: NOW!“. Veranstalter sind die Deutsche Gesellschaft für Telemedizin e. V. (DGTelemed), das Innovationszentrum Digitale Medizin (IZDM) an der Uniklinik Aachen und die ZTG Zentrum für Telematik und Telemedizin GmbH.


Gemeinsam besser versorgen

„Digitaler Umbruch in der Medizin in Europa: Was ist zu tun? Die Förderung von Ideengeneratoren, Innovatoren und Impulsgebern, die Digitalmedizin als strategische Aufgabe zu begreifen, langfristig und international denken, Aufbau von europäischen Gesundheitsnetzwerken und umfangreiche Aus- und Weiterbildungsinitiativen stärken: Wir benötigen eine Generation, die über umfangreiche ‘digital skills‘ verfügt. Unser Ziel lautet daher: Gemeinsam besser versorgen, voneinander und miteinander lernen – und zwar jetzt“, so begrüßte Univ.-Prof. Dr. med. Gernot Marx, FRCA, Vorstandsvorsitzender der DGTelemed, Direktor der Klinik für operative Intensivmedizin und Intermediate Care an der Uniklinik RWTH Aachen und Sprecher des Vorstandes des IZDM, die Kongressteilnehmenden.


Prof. Dr. Andreas Pinkwart, Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen verdeutlichte in einer Videobotschaft die Vorreiterrolle Nordrhein-Westfalens in der Digitalisierung des Gesundheitswesens. (Bild: ZTG GmbH)

Wie das aus der Perspektive der Gesundheitswirtschaft gelingen kann, verdeutlichte Prof. Dr. Andreas Pinkwart, Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen, in seiner Videobotschaft: „Unser Ziel ist es, die Vorreiterrolle Nordrhein-Westfalens bei der Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft auszubauen und damit eine resiliente und innovationsgetriebene Gesundheitswirtschaft und Gesundheitsversorgung zu etablieren. (…) Bei der Entwicklung digitaler Gesundheitsangebote setzen Start-Ups wichtige Impulse für innovative Lösungen. Das Feld der Start-Up-Förderung ist ein wichtiger Baustein für unsere Digitalstrategie. Nordrhein-Westfalen ist das Land der Start-Up-Unternehmen, und es ist mir ein persönliches Anliegen, dass wir die vielen Innovationstreiber im Land bestmöglich unterstützen. (…) Es war mir wichtig, die Schirmherrschaft für den europäischen Digital Health Award 2021 auch in diesem Jahr zu übernehmen. Mit über 40 Bewerbungen sind viele Start-Ups dabei und zeigen die Potenziale der europäischen Start-Up-Szene.“

Demokratisierung der Spitzenmedizin

Dr. Edmund Heller, Staatssekretär im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, lenkte den Blick auf den Nutzen für Patientinnen und Patienten: „Digitale Technologien werden die Versorgung von Patientinnen und Patienten in den nächsten Jahren grundlegend verändern und stärken. (…) In der Digitalstrategie der Landesregierung nimmt der Gesundheitssektor daher einen prominenten Platz ein. Wie wichtig uns die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist, zeigt das Beispiel des Virtuellen Krankenhauses NRW. (…) Gleichzeitig mit dem Gründungsprozess hat eine Vorstufe ihre Arbeit aufgenommen – auf dem Höhepunkt der ersten Coronawelle haben die Unikliniken Aachen und Münster im März 2020 begonnen, COVID-Intensivpatienten telemedizinisch zu betreuen. In mehr als 3.100 Konsultationen wurden bisher über 500 Intensivpatienten in Krankenhäusern der Grund- und Regelversorgung sehr erfolgreich betreut. Die ‚Demokratisierung der Spitzenmedizin‘, wie es ein Mitstreiter (über Sinn und Ziel des Virtuellen Krankenhauses) formulierte, fasst die Erwartung, die wir alle an die Digitalisierung des Gesundheitswesens haben, gut zusammen.“

Welche europäischen Innovationstreiber auf Erfolgskurs sind, veranschaulichte der zweite Themenblock. Unter dem Motto „Versorgung ohne Grenzen – Best Practice-Beispiele aus Deutschland und Europa“ beleuchtete der Kongress Projekte und Initiativen wie z. B. Orphanet, ein Netzwerk, das zum Ziel hat, Wissen um seltene Krankheiten zu sammeln und zu erweitern, damit die Diagnose, Versorgung und Behandlung von Patientinnen und Patienten mit seltenen Krankheiten verbessert werden kann (vorgestellt von Dr. Stefanie Weber vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM). Ein weiteres zukunftsweisendes Netzwerk ist das Universitäre Telemedizinnetzwerk (UTN) für die COVID-19-Forschung, das im Rahmen des Netzwerks Universitätsmedizin (NUM) eine telemedizinische (Forschungs-)Struktur an allen 36 deutschen Universitätskliniken etablieren möchte, um so Wissen über Long COVID zu sammeln und auszuwerten. Das EU-Projekt JADECARE – Joint Action (JA) on implementation of digitally enabled integrated person-centred care möchte die Gesundheitsversorgung der Patientinnen und Patienten in der EU verbessern, indem diese patientenzentriert und auf digitalen Strukturen aufbauend abläuft.


Prof. Dr. Carina Benstöm (Uniklinik RWTH Aachen) stellte in ihrem Vortrag das Universitäre Telemedizinnetzwerk (UTN) vor – u. a. mit dem Ziel einer standardisierten, telemedizinischen Erfassung von Forschungsdaten zu COVID-19. (Bild: ZTG GmbH)

Die Expertise von Patientinnen und Patienten nutzen

Damit Veränderungen zu Gunsten von Patientinnen und Patienten realisiert werden können, braucht es mehr Qualifikation und Engagement seitens der Patientenvertreter und -vertreterinnen. Gerlinde Bendzuck, Mitglied im Vorstand der Deutschen Rheumaliga, verdeutlichte: „Durchgesetzt werden die Veränderungen von der Politik, aber getrieben werden sie von verschiedensten Playern, beispielsweise der Interessenvertretung der Patienten sowie von Ärztinnen und Ärzten und Medizinberufen, die Qualitätsfragen in die Prozesse noch stärker einbringen sollten.“ Die treibende Kraft sollte stärker aus der Perspektive derjenigen kommen, die diese Leistung im Alltag an den Patientinnen und Patienten erbringen und von der Interessenvertretung der Patienten selbst.

Dr. Christoph Klein von der Europäischen Kommission, Internationale Zusammenarbeit, G20 in Luxemburg, sprach in diesem Zusammenhang von einer „Culture of Change“, die bereits in einigen EU-Ländern fester Bestandteil der Projektarbeit sei. Es sei wichtig, ergänzte Moderatorin Claudia Dirks, Communications beim health innovation hub (hih), die Expertise aller Bevölkerungsteile zu integrieren und mitzudenken, besonders wenn es darum gehe, neue Lösungen zu entwickeln. Dabei seien sowohl die evidenzbasierte Gesundheitsforschung, als auch eine steigende Gesundheitskompetenz bei den Bürgerinnen und Bürgern sowie das richtige Einordnen von Informationen von großer Bedeutung. Über allem stehe die sektoren- und länderübergreifende Vernetzung, um eine koordinierte Patientenversorgung zu erreichen. Prof. Dr. Carina Benstöm von der Uniklinik RWTH Aachen betonte, es brauche einen pragmatischen, niedrigschwelligen, leicht umsetzbaren Ansatz, damit möglichst viele Menschen dazu bewegt werden könnten, mitzumachen. Dies habe sich besonders während der Coronavirus-Pandemie als richtig erwiesen. Prof. Dr. Christiane Vaeßen, Geschäftsführerin des Region Aachen Zweckverbands, ergänzte: „Ich glaube, das Wichtigste ist, dass wir einerseits Vertrauen schaffen, und kritische Meinungen zu beteiligen und Bedenkenträger zu überzeugen. Letztlich geht es darum, ins Tun zu kommen.“

Dass Kommunikation die Basis für die Umsetzung der Digitalisierung ist, darin waren sich die Diskutierenden einig. „Die Demokratisierung der Medizin ist ein ganz zentraler Punkt. Das bedeutet zum Beispiel, dass wir Versorgungsstrukturen in ländlichen Gebieten teilweise erhalten können und Expertise virtuell dorthin bringen, wo es notwendig ist. Das zeigt sich schon jetzt während der Pandemie: Durch die telemedizinische Unterstützung gelingt es, dass viel mehr Patienten ortsnah versorgt werden können, ohne voreilig in eine Klinik in einem Zentrum verlegt zu werden. Insgesamt betrachtet werden wir erfolgreich sein, wenn wir vernetzt auf europäischer Ebene handeln. Die Voraussetzung dafür ist, die lokale und nationale Expertise erfolgreich zu etablieren und diese dann über Ländergrenzen hinaus zu verbinden“, fasste Prof. Dr. med. Gernot Marx, FRCA, den zweiten Themenblock zusammen.


V.l.n.r.: Prof. Dr. Carina Benstöm (Uniklinik RWTH Aachen), Gerlinde Bendzuck (Deutsche Rheumaliga – im Monitor), Prof. Dr. Christiane Vaeßen (Region Aachen Zweckverband), Dr. Christoph Klein (Europäische Kommission) und Claudia Dirks (Moderatorin; health innovation hub) diskutierten über den weiteren Weg Europas in der Gesundheitsversorgung. (Bild: ZTG GmbH)

Der Kongress schloss mit der Verleihung des Digital Health Awards unter der Schirmherrschaft von Herrn Minister Prof. Dr. Andreas Pinkwart, Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen. Der Preis zeichnet innovative Projekte aus dem Bereich der digitalen Gesundheitsversorgung aus. Zehn von 41 Bewerberprojekte aus Europa wurden durch die Jury in die engere Auswahl genommen. Nachdem sich diese in kurzen Video-Clips dem Publikum präsentierten, konnten die Zuschauerinnen und Zuschauer für ihr favorisiertes Projekt voten. Platz 3 ging an das Start-Up AZmed aus Laval, Frankreich, das Diagnostikverfahren mit einem KI-gestützten Tool präziser und schneller machen will. Platz 2 erreichte das Start-Up Inuka aus den Niederlanden – ein Programm zur Prävention von Burnout in Unternehmen. Im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements erhalten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Unternehmen mit drohender oder bestehender Burnout-Erkrankung Unterstützung mit Hilfe eines digitalen Screenings und anschließendem Coaching. Über den ersten Platz freute sich das Start-Up Leila Fertility aus Berlin, das mit einer medizinischen Software Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch darin unterstützen möchte, die eigene Fruchtbarkeit zu steigern und zu verstehen, wo individuelle Ursachen der mangelnden Fruchtbarkeit liegen.


V.l.n.r.: Rainer Beckers Geschäftsführer ZTG Zentrum für Telematik und Telemedizin GmbH (Laudator) und Univ.-Prof. Dr. med. Gernot Marx, FRCA, Vorstandsvorsitzender der DGTelemed, Direktor der Klinik für operative Intensivmedizin und Intermediate Care an der Uniklinik RWTH Aachen und Sprecher des Vorstandes des IZDM beglückwünschten die Gewinnerinnen und Gewinner des Digital Health Awards. Hier das erstplatzierte Start-Up Leila Fertility. (Bild: ZTG GmbH)

Der NRW-Sonderpreis ging an das Start-Up Cynteract GmbH aus Aachen, das es mit Hilfe des intelligenten Reha-Handschuhs „Smart glove“ Menschen, die beispielsweise nach einem Schlaganfall eine Hand nur noch eingeschränkt nutzen können, ermöglicht, ihre Therapie-Fortschritte mit Sensoren zu erfassen und auszuwerten.

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